Milchmädchen Ulla
Unsere Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) rechnet auf der Internetseite des Bundesministeriums für Gesundheit (dort auf "Zuzahlungen" klicken) vor, daß die Gesetzliche Krankenversicherung weitere Einnahmen von 4,2 bzw. 2,1 Milliarden Euro durch die Zuzahlung von 10 Euro je Quartal bei Arztbesuchen zu erwarten hat. Ullas Rechnung geht so:
| Zahl der Fälle (2002 ?) |
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565 Millionen |
| abzgl. Fälle mit Überweisung |
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85 Millionen |
| abzgl. Fälle ohne Zuzahlung ** |
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65 Millionen |
| verbleiben zuzahlungspflichtig |
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415 Millionen |
| Zuzahlungsbeträge gesamt |
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4,2 Milliarden |
** Fälle beim Kinderarzt, zur Vorsorge usw. brauchen die 10 Euro Zuzahlung nicht leisten.
Von diesen 4,2 Millarden Euro ziehen die Ministerialen etwa die Hälfte ab wegen Befreiung von der Zuzahlung durch Einkommenskappung und Kinderfreibeträge. Dann kommen sie auf 2,1 Millarden Euro Entlastung der GKV. So rechnet Milchmädchen Ulla (und Milchbub Horst wohl auch) mit jährlich 2,1 Millarden Euro, die die Ärzte in den Praxen von den Patienten kassieren und an die Krankenkassen abführen. Insgesamt rechnet sie mit 3,3 Milliarden Euro Entlastung der GKV durch neue oder erhöhte Zuzahlungen.
Stimmt die Rechnung denn ?
Nein !
Die Patienten konnten bisher ohne Überweisung nur mit Chipkarte jeden Kassenarzt (Vertragsarzt) aufsuchen. Wenn jetzt eine Zuzahlung von 10 Euro pro Quartal und Arzt fällig wird, die man mit einer Überweisung eines anderen Arztes vermeiden kann, werden die meisten Patienten sich eben eine Überweisung holen. Die Zahl der Überweisungen wird sprunghaft ansteigen.
Dann wird nur beim Hausarzt (oder beim ersten Facharztbesuch im Quartal) gezahlt. Zu allen anderen Ärzten geht man mit Überweisung und ohne Zuzahlung. Damit man nicht wieder extra in eine Praxis muß, verlangt man beim ersten Arztbesuch nach Entrichtung der zehn Euro Überweisungen zu allen Fachgruppen, die man in dem Quartal wohl noch aufzusuchen genötigt sein könnte, rein prophylaktisch. Wenn man die Überweisungen doch nicht braucht, wirft man sie eben am Quartalsende weg.
Wenn nur ein Viertel der Patienten, die bisher einen Arzt ohne Überweisung aufgesucht haben, sich zukünftig eine Überweisung holen, schrumpft die Summe der Zuzahlungen schon ganz erheblich, tut es jeder zweite Patient oder sogar fast jeder, bleibt unseren Kassen statt der angepeilten 2,1 Milliarden vielleicht nur 1 Milliarde. Zu rechnen ist das schwierig, denn dann müßte man wissen, wie viele Patienten bisher im Quartal nur einen, wie viele zwei, wie viele vier, fünf oder sechs Ärzte aufgesucht haben. Darüber gibt es aber keine Statistik (zumindest kenne ich keine).
Es kommt aber nicht selten vor, daß ein Patient in einem Quartal drei oder vier Ärzte aufsucht, bisher ohne Überweisung, bald mit. Daher halte ich es es für realistisch, mit einer Gesamtsume von 1 bis 1,3 Milliarden Euro Zuzahlung zu rechnen, maximal mit 1,5 Milliarden.
Und wenn die Apotheken-Zuzahlungen erhöht werden, rezeptfreie Medikamente ganz aus der Erstattungspflicht fallen, Besuche beim Ärztlichen Notfalldienst ebenfalls 10 € kosten, wird die Zahl der Fälle noch mal zurückgehen.
Einfach die Zahl der Fälle des Jahres 2002 auf das Jahr 2004 zu übertragen, ohne die verständlichen Vermeidungsstrategien der Patienten einzukalkulieren, ist nichts als blöd. Sind die anderen Entlastungen der GKV ebenso unseriös, schöngerechnet und unrealistisch ? Dann gute Nacht !
Fazit: Es wird nix mit der Höhe der angekündigten Beitragssenkungen der GKV, die Ulla und Horst jetzt schon den Kassen zwangsweise verordnen wollen, obwohl die Kassen nicht an die vorgerechneten Einsparungen glauben und erst mal ihre Schulden zurückzahlen müßten.
Vom Schulden-Staat zu den Schulden-Krankenkassen. Na bravo ! Da wird ein Gesetz geändert, um Krankenkassen das Schuldenmachen zu Lasten künftiger Beitragszahler zu ermöglichen ! Aber Ulla Schmidt verspricht, Gesetze zukünftig auf Nachhaltigkeit zu prüfen, damit nicht nachfolgende Generationen von Beitragszahlern mit den heutigen Kosten belastet werden. Grotesk !
Lesen Sie in der Ärztezeitung vom 6.11.2003: Ministerium und Krankenkassen erzielen auch in der dritten Verhandlungsrunde keine Einigung über neue Beitragssätze. Die Krankenkassen kapieren es langsam.
| Wer hat nichts kapiert ? Wer ist hier Kapiertnix ? |
| 1. Ulla Schmidt (SPD) und ihr Ministerium ? |
| 2. Horst Seehofer (CDU/CSU) ? |
| 3. Die Patienten ? |
| 4. Der Autor und die Ärzteschaft ? |
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Autor: Hans-Peter Meuser, 24.07.2003, zuletzt überarbeitet am 6.11.2003